Guten Tag!
Es gibt unendlich viele Definitionen und Interpretationen, was es mit dem Thema Führung eigentlich auf sich hat. Ich werde in diesem Blog immer mal wieder verschiedene Aspekte dazu zur Diskussion stellen.
Heute beschäftigt mich die Frage, was Führungskräfte speziell in deutschen Unternehmen, für oder gegen das Phänomen “Depression” bzw. die oft zu spürende depressive Stimmung tun. Dass dies offensichtlich ein aktuelles Thema ist, zeigt der deutsche Depressionsbaraometer (http://www.blogger.com/www.depressionsbarometer.de). Fühlen sich deutsche Führungskräfte im “Land der Miesmacher” (Der Tagesspiegel vom 31.7.2005) überhaupt bei diesem Thema angesprochen? Haben die Manager und Macher tatsächlich keine Lust mehr auf die Zukunft oder sind es die Mitarbeiter, die nicht bereit sind, sich den Umständen und den neuen Herausforderungen anzupassen? Nach Professor Fritz B. Simon ist eine Depression dadurch gekennzeichnet, dass man in die Zukunft schaut und keine Perspektive sieht bzw. glaubt, keine Handlungsmöglichkeit mehr zu haben. Dies hat weniger mit objektiven Daten als mit dem subjektiven Erleben des Einzelnen zu tun. Die Stimmung wird von Zukunftsängsten und gedämpften Hoffnungen geprägt. Und sie findet offensichtlich bei vielen Menschen Ressonanz. Dies ist zunächst weder gut noch schlecht, hat aber “Folgekosten” bei vielen Menschen (Mitarbeitern): vermindertes Interesse an fast allen Aktivitäten, Angstgefühle, Schlaf- oder Rastlosigkeit, Müdigkeit, Entscheidungs- und Handlungsunfähigkeit oder gedankliche Endlosschleifen. Es ist schon die Frage berechtigt, was hier Ursache und was Wirkung ist. Schon Sigmund Freud hat behauptet, dass “Leiden leichter als Handeln” ist. Aber was können Führungskräfte in diesem Zusammenhang tun?
Die Teilnehmer einer Konferenz vom 17. - bis 19. November 2005 haben in Berlin einen Schritt gewagt, die Depression in Deutschland zu “überfallen”. Wie überfällt man eine Depression? Da sind Anleihen beim klassischen Banküberfall möglich: “Eine Gruppe gräbt sich nach unten, die andere steht Schmiere, eine weitere setzt die Alarmanlage außer Kraft, öffnet den Tresor und draußen warten bereits die Fahrer mit angelassenem Motor”(Dr. Hans Geisslinger). Einer Gruppe von ca. 300 Beratern und Organisationsentwicklern ist es tatsächlich gelungen, innerhalb der Bannmeile des Deutschen Bundestages, direkt zwischen Kanzleramt und Reichstag, ohne vorliegende Genehmigung, eine Trauerweide als Symbol der Hoffnung zu pflanzen. Schon die Kelten haben die Trauerweiden genutzt und in die weichen, neuen Triebe Knoten gemacht, um dort ihre Wünsche zu verankern. Jeder kann jetzt dort vorbeigehen und auf der aufgestellten Gedanktafel lesen: “Mir wohnt ein Zauber inne. Berühre mich und dein Wünschen wird” (in vier Sprachen). Ich wünsche mir, dass dies möglichst viele Menschen (d.h. auch Führungskräfte) tun und erkennen, dass Krisen auch neue Chancen beinhalten können.
Vielleicht wäre es für den einen oder anderen Top-Manager auch ein Thema, die Depression in seinem Unternehmen zu überfallen und Schritte zu deren Überwindung zu initiieren? Damit kommt man schnell auf die Herausforderung vieler Manager, trotz “schwieriger Zeiten” im Unternehmen, den Mitarbeitern eine Perspektive aufzuzeigen, eine glaubwürdige Vision zu vermitteln (und dabei selbst noch daran zu glauben). Führung hat aus meiner Sicht viel mit der Fokussierung von Aufmerksamkeit zu tun. Wohin lenken die “Leader” diesen Fokus der Aufmerksamkeit und wie weit sind sie hierbei in der Lage, ein attraktives Bild der Zukunft zu entwickeln? Die im Unternehmen subjektiv oder kollektiv erlebte “Wirklichkeit” ist das Ergebnis der Wahr-Gebung, d.h. der Frage welche Bedeutung bestimmten Informationen gegeben wird, wie bestimmte Phänomäne beobachtet und wie darüber kommuniziert wird. Führungskräfte sind in diesem Sinne auch “Konstrukteure von Wirklichkeit”, sie tragen dazu bei, dass bestimmte Wirklichkeiten erst entstehen und sie verfügen über die Macht dafür zu sorgen, dass diese Konstruktionen auch wirksam (Realität) werden. Welche Wirklichkeit sich durchsetzt ist aus meiner Sicht eine zentrale Herausforderung und Aufgabe für Führungskräfte. Sicher gibt es keine einfachen Ursache-Wirkungs-Rezepte, aber Führungskräfte können ihren Einfluss über Art und Inhalt ihrer Kommunikation im Unternehmen ausüben. Ich finde die klassische Unterscheidung von Manager (dafür sorgen, dass die Dinge richtig gemacht werden) und Leader (dafür sorgen, dass die richtigen Dinge gemacht werden) immer noch hilfreich. Die Rolle eines Leaders sehe ich im Zusammenhang mit der Depression darin, eine weitsichtige und leidenschaftliche Zielorientierung zu zeigen, optimistisch über die Zukunft zu sprechen und eine “Es-geht-Haltung” zu leben. Leader formulieren und kommunizieren eine ansprechende Zukunftsvision, zeigen Zuversicht und “inspirieren” somit ihre Mitarbeiter. Das ist keine leichte Aufgabe, die mit keinerlei Erfolgsgarantien verbunden ist. Aber Führungskräfte, die sich nur auf die Ankündigung von Massenentlassungen, Einsparungspotenzialen, Rationalsierungsnotwendigkeiten und Verweise auf die Folgen der Globalisierung beschänken, haben aus meiner Sicht ihre Hausaufgaben nicht gemacht und rechtfertigen damit auch nicht ihr Gehalt. Wir brauchen mehr Leader, die nicht auf den “Standort Deutschland” schimpfen, sondern die Mut machen und wieder echte unternehmerische Qualitäten zeigen.
So viel für heute!
Herzliche Grüße Ihr
Dr. Michael Fritsch